Die Geschichte des Klosters Einsiedeln

Der Film «Von Mönchen und Pilgern – Leben im Kloster Einsiedeln» präsentiert im Schnelldurchlauf die über tausendjährige Geschichte Einsiedelns. Wer in Ruhe durch die Jahrhunderte der Klostergeschichte streifen möchte, findet im nachfolgenden Text allerlei Wissenswertes. Der Text zur Geschichte des Klosters findet sich auch im Booklet der DVD.

In der über tausendjährigen Geschichte des Klosters Einsiedeln spiegelt sich die Geschichte von Kirche und Gesellschaft insgesamt. Sie zeigt, dass ein Kloster keine Insel darstellt, sondern auf vielfältige Weise mit seiner Umwelt verbunden ist. Blüte und Niedergang, Idealismus und Dekadenz, Heiligkeit und Sünde, Licht und Schatten wechseln sich ab im Gang durch die Jahrhunderte. Und doch: Was im 9. Jahrhundert durch den heiligen Meinrad seinen Anfang nahm, hat auf vielfältige Weise Frucht getragen und ist für unzählige Menschen zum Segen geworden.


Der heilige Anfang

Um das Jahr 835 errichtet der heilige Meinrad, Mönch des Inselklosters Reichenau im Bodensee, an der Stelle der heutigen Gnadenkapelle seine Einsiedelei. Nach seinem gewaltsamen Tod durch die Hand zweier Räuber am 21. Januar 861 lassen sich andere Einsiedler im «Finstern Wald» nieder. Auch Domprobst Eberhard (†958) von Strassburg wird vom Lebensbeispiel des heiligen Meinrad angezogen. Er versammelt die Einsiedler im Jahr 934 zu einer Gemeinschaft unter Regel und Abt. Dank Eberhard und seinen Nachfolgern entwickelt sich die junge Gemeinschaft zu einem vorbildlichen Benediktinerkloster. Mehrere Einsiedler Klostergründungen gehen auf diese erste Blütezeit zurück: Petershausen bei Konstanz (983), Muri (1037), Schaffhausen (1050) und Hirsau (1065).

Im Jahr 1130 schenkt Freiherr Lüthold von Regensberg dem Einsiedler Konvent seinen Besitz an der Limmat bei Zürich mit der Auflage, dort ein Frauenkloster zu errichten. Seither bilden die Konvente von Fahr und Einsiedeln ein Doppelkloster unter der Leitung des Abtes von Einsiedeln.


Licht und Schatten im Wandel der Zeiten

Seit seiner Gründung erfreut sich das Kloster Einsiedeln des Wohlwollens und der Unterstützung lokaler Adeliger und der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Kaiser Otto der Grosse (963–973) und seine Gemahlin Adelheid schenken dem Kloster im Jahr 965 zahlreiche Güter am Zürichsee, darunter auch die Insel Ufnau. Im 10. Jahrhundert erhält das Kloster Einsiedeln Güter im Grossen Walsertal (Vorarlberg). Spätestens im 13. Jahrhundert gelangte die dortige Propstei St. Gerold an das Kloster Einsiedeln.

Mit den grosszügigen Schenkungen sind auch Herrschaftsrechte verbunden, sodass der jeweilige Klostervorsteher in den folgenden Jahrhunderten als Fürstabt über sein Gebiet regiert. Diese Verbindung von geistlichem Auftrag und weltlicher Macht ist jedoch nicht besonders förderlich für das weitere Gedeihen des Klosters. Denn seit dem 13. Jahrhundert werden nur noch Söhne des Adels ins Kloster aufgenommen, was in den folgenden Jahrhunderten zur kontinuierlichen Verkleinerung des Einsiedler Konventes führt. Auch politische Wirren wie der «Marchenstreit» mit Schwyz fügen dem Kloster grossen Schaden zu.

Gleichzeitig zum inneren Niedergang des Klosters erlebt jedoch die Wallfahrt nach Einsiedeln eine grosse Blüte. Die Bedeutung Einsiedelns als Wallfahrtsort knüpft über viele Jahrhunderte an die Legende der «Engelweihe» an. Gemäss dieser Legende weihte Jesus Christus selbst in Gesellschaft vieler Engel und Heiligen in der Nacht auf den 14. September 948 die alte Kapelle der Einsiedler zu Ehren seiner Mutter Maria. Die Menschen pilgerten also ursprünglich zu der von Christus geweihten Kapelle. Mit der Zeit verlagerte sich jedoch der Schwerpunkt der Wallfahrt von Christus zu dessen Mutter Maria, und Einsiedeln wurde im Laufe des Hochmittelalters zu einem Marienwallfahrtsort, zu welchem Pilger aus ganz Europa kamen. Seit 1466 wird die berühmte Schwarze Madonna von Einsiedeln in der Kapelle als Gnadenbild verehrt.

Am Vorabend der Reformation gehören zum Kloster Einsiedeln nur noch zwei Mönche: Diebold von Geroldseck und Abt Konrad von Hohenrechberg. Als dann Diebold von Geroldseck zum reformierten Glauben übertritt und später an der Seite von Huldrych Zwingli bei der Schlacht zu Kappel (1531) fällt, ist das Kloster dem Untergang nahe. Doch es kommt Hilfe von unerwarteter Seite: der alte Erzfeind, die Leute von Schwyz, nehmen sich des Klosters an. 1526 drängen sie den betagten Abt Konrad von Hohenrechberg zur Resignation und setzen den Dekan des Klosters St. Gallen, Ludwig Blarer († 1544), als Abt ein.


Ein zweiter Frühling
Dem neuen Abt gelingt der Neubeginn, indem er Bürgerliche ins Kloster aufnimmt. Dieser Neuanfang braucht jedoch seine Zeit. Abt Ludwig und seine Nachfolger kämpfen hart um das Fortbestehen des Klosters. Besonders Abt Joachim Eichhorn (†1569) macht sich um den materiellen und geistigen Wiederaufbau verdient. Die Zahl der Mönche steigt stetig und so können zahlreiche neue Aufgaben übernommen werden.

Schliesslich wird das alte Kloster aus dem Mittelalter trotz Erweiterungen im 17. Jahrhundert zu klein für die Gemeinschaft und man entschliesst sich zu einem kompletten Neubau. Bruder Kaspar Moosbrugger (1656–1723) wird mit der Planung des neuen Klosters beauftragt. Am 31. März 1704 kann die Grundsteinlegung erfolgen. Zehn Jahre später, nach Vollendung der Klostergebäude, wagt sich Bruder Kaspar an die Planung der neuen Klosterkirche. Der Grundstein zum neuen Gotteshaus wird am 20. Juli 1721 gelegt. Die Gebrüder Cosmas Damian und Ägid Quirin Asam werden zusammen mit anderen bedeutenden Künstlern mit der Innenausstattung der Klosterkirche beauftragt.


Dunkle Wolken über dem Kloster
1798 wird die Alte Eidgenossenschaft von Französischen Truppen zerschlagen. Am 3. Mai 1798 marschieren die Soldaten in Einsiedeln ein und plündern das Kloster mehrere Tage lang, nachdem die Mönche ihr Zuhause wenige Tage zuvor fluchtartig verlassen mussten. Ein Grossteil flieht mit Fürstabt Beat Küttel (1733–1808) in die dem Kloster gehörende Propstei St. Gerold im Grossen Walsertal. Die Schwarze Madonna wird auf abenteuerlichen Wegen bis nach Triest gebracht. Erneut scheint die Zukunft des Klosters ungewiss. Erst ab 1801 kehren die Mönche ins Kloster zurück. Die Zeiten der Fürstabtei Einsiedeln sind zwar vorbei, doch ist der Fortbestand des Klosters gesichert. Die Gnadenkapelle jedoch haben die Revolutionstruppen niedergerissen. Diese wird zwischen 1815 und 1817 im klassizistischen Stil und – soweit wie möglich – mit der alten Bausubstanz neu errichtet.


Einsiedeln als Zentrum der katholischen Schweiz
In den folgenden Jahrzehnten entwickelt sich das Kloster sehr gut. Das Gymnasium wird ausgebaut, Mönche sind vermehrt in der Seelsorge engagiert. Die grosse Anzahl Mönche macht die Gründung eines Tochterklosters in den Vereinigten Staaten möglich. Die Neugründung, die im Jahr 1870 zur eigenständigen Abtei erhoben werden kann, erhält als Patron den heiligen Meinrad.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts erlebt die Wallfahrt durch die Eisenbahn eine noch nie gekannte Hochblüte. Im Jahr 1934 wird das tausendjährige Bestehen des Klosters gefeiert. Der Höhepunkt ist die feierliche Krönung des Gnadenbildes durch den päpstlichen Kardinallegaten. 1947 bestätigt Papst Pius XII. dem Kloster Einsiedeln öffentlich die Rechte einer Gebietsabtei. Seither ist der jeweilige Abt Mitglied der Schweizerischen Bischofskonferenz.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zählt die Klostergemeinschaft den Höchstbestand von knapp über 200 Mönchen. Wiederum wird eine Neugründung ins Auge gefasst, diesmal in Argentinien. 1948 wird eine Gruppe von zwölf Mönchen ausgesandt, um in Los Toldos, etwa 500 km westlich von Buenos Aires, ein neues Kloster zu gründen.

In den Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) bemüht man sich, das Klosterleben den Bestimmungen des Konzils anzupassen. In der Messe und im Chorgebet wird die deutsche Sprache eingeführt, ohne damit die lateinische Liturgiesprache vollständig zu verdrängen.

Im Jahr 1984 ehrt Papst Johanes Paul II. das Kloster mit seinem Besuch und weiht am 15. Juni den neuen Altar im Chor der Klosterkirche.

Seit den 1960er Jahren treten weniger junge Männer ins Kloster ein, sodass die Gemeinschaft kleiner wird. Viele Mönche werden von Aussenposten zurückgezogen und das Wirken der Gemeinschaft konzentriert sich zusehends auf das Kloster und die seelsorgerlichen Aufgaben in dessen unmittelbarer Nähe. Auch die Wallfahrt erlebt einen grossen Wandel: Die traditionellen Pilgerzüge verlieren an Bedeutung, doch kommen vermehrt Einzelpilger und Tagestouristen nach Einsiedeln. Zudem entstehen neue Wallfahrten von Menschen mit Migrationshintergrund.


Gegenwart und Zukunft
Heute zählt die Einsiedler Klostergemeinschaft rund fünfzig Mönche. Diese sind tätig in Schule, Wallfahrt und Pfarreiseelsorge und verrichten zahlreiche Arbeiten innerhalb des Klosters. Sie werden von vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in ihrem Auftrag unterstützt. Die Mönche versuchen, das Evangelium Jesu Christi und die Regel des heiligen Benedikt in der heutigen Zeit zu leben und so einen Ort zu gestalten, der Menschen dazu einlädt, hier Gott zu begegnen.

Kloster Einsiedeln
8840 Einsiedeln

+41 (0)55 418 61 11
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